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Im Algorithmus gefangen

Wer entscheidet eigentlich, was ich sehe, denke und fühle? Über die Aufmerksamkeitsökonomie, soziale Plattformen und die leise Erosion der eigenen Wahl.
18. Mai 2026 durch
Im Algorithmus gefangen
tomschaepper Est., Schäpper Tom


In der Reihe: Klartext zur Zeit – Diagnose

Ich öffne Instagram, weil ich kurz etwas nachschauen wollte. Eine halbe Stunde später weiss ich nicht mehr, was es war. Aber ich kenne jetzt drei Rezepte für Sauerteig, einen Streit zwischen zwei Schauspielern, von denen ich noch nie gehört hatte, und ein Video von einem Hund, der Klavier spielt.

Ich bin nicht hineingestolpert. Ich wurde dort hingeführt.

Aufmerksamkeit ist Währung

Jeder Klick, jedes Verweilen, jedes kurze Stutzen wird gemessen. Daraus baut der Algorithmus ein Bild von mir – nicht das, was ich von mir habe, sondern das, was sich am besten verkaufen lässt. Die Plattformen verdienen kein Geld, wenn ich zufrieden bin. Sie verdienen Geld, wenn ich bleibe.

Tristan Harris, ehemaliger Designethiker bei Google und Mitgründer des Center for Humane Technology, hat dafür einen Begriff geprägt, der inzwischen Allgemeingut ist: «Race to the bottom of the brain stem» – ein Wettrennen um die archaischsten Teile unseres Gehirns. Wer am besten an Furcht, Empörung und Neugier andockt, gewinnt. Das ist keine Verschwörung. Das ist ein Geschäftsmodell. Und ich mit meinem Marketingrücksack Ursache und Betroffener gleichermassen.

Die Zahlen dazu sind nüchtern. Laut Digital Report 2025 von DataReportal verbringt der durchschnittliche Internetnutzer weltweit täglich 2 Stunden und 21 Minuten auf sozialen Netzwerken (DataReportal: Digital 2025 Global Overview Report, datareportal.com). Zwei Stunden, jeden Tag, mit Inhalten, die jemand anders für uns kuratiert hat. Hochgerechnet sind das pro Jahr fast 36 Tage – ein guter Monat, in dem ich gelenkt werde.

Was passiert, wenn jemand anders entscheidet

Ein Algorithmus ist kein Mensch mit Meinung. Er ist ein System mit einem Ziel: möglichst lange Verweildauer. Was dabei am besten funktioniert, wird gezeigt. Was nicht funktioniert, verschwindet. Nicht weil es falsch wäre. Sondern weil es nicht wirkt.

Das hat Folgen, die wir oft nicht bemerken. Themen, die mich vor zwei Wochen empört haben, sind heute aus meinem Feed verschwunden – nicht weil sie gelöst wären, sondern weil etwas Neueres mehr Reaktion auslöst. Meine Aufmerksamkeit wird ständig umgelenkt. Ich werde nicht informiert. Ich werde bespielt.

Wer bin ich da eigentlich?

Das Beunruhigende ist nicht, dass die Plattformen mich kennen. Das Beunruhigende ist, dass ich dadurch mich selbst weniger gut kenne. Ich weiss nicht mehr, ob ich ein Thema wichtig finde, weil es mir wichtig ist – oder weil es mir seit einer Woche dreimal täglich gezeigt wird. Ich weiss nicht, ob mich eine Person nervt, weil sie nervt – oder weil ich nur ihre schlechtesten Momente zu sehen bekomme.

Ich kenne niemanden, der das nicht spürt. Und ich kenne auch niemanden, der es wirklich konsequent ändert. Mich eingeschlossen.

Vielleicht ist der erste Schritt weniger ein technischer als ein ehrlicher: Anzuerkennen, dass wir nicht so frei wählen, wie wir glauben. Und dass jeder Blick aufs Telefon eine kleine Wette ist – mit Spielregeln, die nicht wir gemacht haben.


Bild: ChatGTP