665 Millionen Franken. So viel kostet Hitze die Schweizer Wirtschaft – pro Jahr, allein durch verlorene Produktivität [1]. Trotzdem taucht Hitzeschutz in den meisten KMU-Nachhaltigkeitsdossiers nicht auf. Dort stehen Solarpanels, Recyclingquoten und CO2-Bilanzen. Das E dominiert, das S wird vergessen. Dabei beginnt soziale Verantwortung nicht in der Lieferkette in Fernost, sondern bei den eigenen Leuten in der Werkstatt, auf dem Bau und im Büro unter dem Flachdach.
Das Problem: Es wird heisser, und zwar schneller als gedacht
Die Schweiz erwärmt sich rund 2.2-mal schneller als der globale Durchschnitt. Im Zeitraum 2015 bis 2024 lag die Temperatur bereits 2.8 Grad über dem vorindustriellen Niveau – global waren es 1.2 Grad. Das zeigt der aktuelle Bericht der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT), an dem rund 60 Fachpersonen mitgearbeitet haben [2]. Der heisseste Tag des Jahres ist in Zürich, Basel, Genf und Bern heute im Schnitt 3.4 Grad heisser als vor hundert Jahren [3]. Und die Klimaszenarien CH2025 von MeteoSchweiz und ETH rechnen mit einer weiteren, deutlichen Zunahme von Hitzetagen und Tropennächten [4].
Für Sie als Unternehmerin oder Unternehmer heisst das: Hitzewellen sind kein Ausnahmesommer mehr. Sie sind Betriebsalltag.
Warum das Ihr Geld betrifft
Hitze ist messbar teuer. Pro zusätzlichem Grad über 30 Grad sinkt die Arbeitsproduktivität um rund drei Prozent, gleichzeitig steigen die Energiekosten durch Kühlbedarf um etwa 1.2 Prozent pro Grad [5]. Die erwähnten 665 Millionen Franken Produktivitätsverlust gelten für die Jahre um 2020 – je nach Klimaszenario steigen diese Kosten bis 2050 um 17 bis 58 Prozent [1] [6].
Dazu kommt die rechtliche Seite, die viele unterschätzen: Nach Arbeitsgesetz und ArGV 3 (Art. 20 und 21) sind Sie verpflichtet, Ihre Mitarbeitenden vor übermässiger Hitze und Sonneneinstrahlung zu schützen. Das SECO empfiehlt für Büroarbeit maximal 26 Grad Raumtemperatur, ab 30 Grad ist erhöhte Aufmerksamkeit gefordert, und für Schwangere gelten ab 28 Grad besondere Schutzbestimmungen [7]. Ein Hitzefrei-Recht gibt es nicht – die Fürsorgepflicht aber sehr wohl.
Und schliesslich der ESG-Blickwinkel: Wer heute für Banken, Versicherer oder Grosskunden über Nachhaltigkeit berichtet – etwa nach dem VSME-Standard oder mit einem esg2go-Rating – wird nach Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz gefragt. Hitzeschutz ist dort keine Fussnote, sondern ein handfester Indikator für gelebte soziale Verantwortung. Meine Meinung dazu ist deutlich: Hitzeschutz ist Führungsaufgabe. Wer wartet, bis ihn ein Inspektor oder ein Grosskunde dazu zwingt, hat das S in ESG nicht verstanden.
Umsetzung: In vier Schritten zum Hitzeplan
Schritt 1: Betroffenheit klären. Gehen Sie Ihre Arbeitsplätze durch. Wer arbeitet draussen? Wo staut sich Wärme – Produktionshalle, Küche, Dachgeschossbüro? Welche Tätigkeiten sind körperlich streng? Das SECO stellt dafür kostenlose Beurteilungshilfsmittel bereit [7]. Ein halber Tag reicht für eine erste Übersicht.
Schritt 2: Organisatorische Massnahmen vor Technik. Arbeitsbeginn vorverlegen, strenge Arbeiten in die Morgenstunden legen, zusätzliche Trinkpausen, Beschattung, lockerer Dresscode. Diese Massnahmen kosten fast nichts und wirken sofort. Die Klimaanlage ist die letzte Antwort, nicht die erste.
Schritt 3: Verantwortung und Schwellenwerte festlegen. Definieren Sie, wer ab welcher Temperatur etwas entscheidet. Ein einfacher Hitzeplan auf einer A4-Seite genügt: Ab 30 Grad gilt X, ab 33 Grad gilt Y. So diskutieren Sie nicht jeden Sommer neu und Ihre Teamleitenden wissen, woran sie sind.
Schritt 4: Dokumentieren und ins CSR-Dossier aufnehmen. Was Sie tun, sollte schriftlich festgehalten werden – für die Arbeitsinspektion, fürs Nachhaltigkeitsreporting und für Ihre Kommunikation. Ein KMU, das zeigt, wie es seine Leute durch den Sommer bringt, punktet beim Recruiting mehr als mit jeder Imagebroschüre.
Checkliste Hitzeschutz im KMU
- Arbeitsplätze auf Hitzebelastung geprüft (innen und aussen)
- Organisatorische Massnahmen definiert (Arbeitszeiten, Pausen, Trinkwasser, Beschattung)
- Schwellenwerte und Zuständigkeiten im Hitzeplan festgelegt
- Besonders gefährdete Personen berücksichtigt (Schwangere, ältere Mitarbeitende, Vorerkrankte)
- Massnahmen dokumentiert und im ESG-/CSR-Dossier erfasst
- Team informiert – vor der ersten Hitzewelle, nicht während ihr
Häufige Fehler
Nur an den Bau denken. Hitze trifft auch Büros, Verkaufsflächen und Küchen. Die Produktivität sinkt am Schreibtisch genauso, nur leiser.
Auf die Klimaanlage setzen und fertig. Kühlung kann Teil der Lösung sein. Wer aber nur kühlt statt organisiert, kauft sich teuer von einer Führungsaufgabe frei und holt sich neue Probleme ins Haus: Stromkosten, Lärm, und im Zweifel eine schlechtere Klimabilanz im E-Teil des Reportings.
Nichts dokumentieren. Gute Massnahmen, die nirgends festgehalten sind, existieren für Behörden, Banken und Rating-Systeme schlicht nicht.
Erst reagieren, wenn es 34 Grad hat. Dann ist die Produktivität schon weg und die Stimmung auch.
Fazit
Hitzeschutz ist der wohl unterschätzteste Posten im S von ESG – und gleichzeitig einer der günstigsten. Die meisten Massnahmen kosten Organisation, nicht Geld. Sie schützen die Gesundheit Ihrer Leute, sichern Ihre Produktivität und liefern belegbare Substanz fürs Nachhaltigkeitsreporting. Warten lohnt sich nicht: Die Sommer werden nicht mehr kühler.
Wenn Sie klären möchten, wo Ihr Unternehmen beim Thema soziale Verantwortung steht – vom Hitzeschutz bis zum Reporting – dann ist ein CSR-Klartag der pragmatische Einstieg: ein Tag, eine Standortbestimmung, eine Roadmap.
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Quellenverzeichnis
[1] SCNAT – Akademie der Naturwissenschaften Schweiz: «Die Schweiz im Klimawandel: Rasches Handeln bietet viele Vorteile», April 2026. https://scnat.ch/de/uuid/i/90a32d05-5966-58e8-a4e8-3b026bbfe93b
[2] Swissinfo: «Wie verändert sich das Klima in der Schweiz? Fünf Zahlen geben Aufschluss», 14.05.2026. https://www.swissinfo.ch/ger/klimaanpassung/wie-veraendert-sich-das-klima-in-der-schweiz-fuenf-zahlen-geben-aufschluss/91364452
[3] MeteoSchweiz: «Extremere Hitze». https://www.meteoschweiz.admin.ch/klima/klimawandel/extremere-hitze.html
[4] NCCS / MeteoSchweiz: «Schweizer Klimaszenarien CH2025», November 2025. https://www.nccs.admin.ch/nccs/de/home/klimawandel-und-auswirkungen/schweizer-klimaszenarien-ch2025.html
[5] Allianz Trade, zitiert nach Nau.ch: «Das kostet: So stark sinkt Produktivität bei Hitze – auch im Büro», 25.06.2026. https://www.nau.ch/news/schweiz/das-kostet-so-stark-sinkt-produktivitat-bei-hitze-auch-im-buro-67141536
[6] Tages-Anzeiger: «Kosten des Klimawandels: So lähmt die Hitze die Wirtschaft» (ETH-Studie 2022). https://www.tagesanzeiger.ch/so-laehmt-die-hitze-die-wirtschaft-538532723062
[7] SECO: «Klima (Behaglichkeit, Hitze, Wärmestrahlung, Kälte, UV)» und «FAQ Arbeiten im Sommer», gestützt auf ArGV 3 Art. 20/21. https://www.seco.admin.ch/de/klima und https://www.seco.admin.ch/de/faq-arbeiten-im-sommer
Bild: ChatGTP