Aus der Reihe: Klartext zur Zeit – Diagnose
Zu viel, zu schnell, zu lau
Morgens um sieben prüfe ich die Schlagzeilen, bevor ich aufstehe. Zwischen Krieg, Klima und Politik wartet eine Sprachnachricht aus der Familie. Eine WhatsApp-Gruppe diskutiert ein neues Vereinslogo. Drei E-Mails von gestern Abend sind noch nicht beantwortet. Auf LinkedIn hat jemand etwas gepostet, was ich unbedingt kommentieren sollte – findet zumindest der Algorithmus.
Ich habe noch keinen Schluck Kaffee getrunken, und schon laufen siebzehn Gedankenstränge gleichzeitig.
Das ist kein Einzelfall. Das ist Alltag. Und genau hier beginnt etwas, das mich seit Längerem beschäftigt.
Verstehen kostet Energie
Wer eine Nachricht wirklich verstehen will, muss mehr tun, als sie zu überfliegen. Kontext einordnen, Quellen prüfen, Gegenargumente abwägen, eine eigene Position formen. Das dauert. Das ermüdet. Und es passt schlecht in die zwei Minuten zwischen Kaffeemaschine und Sitzungseinstieg.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat in seinem Buch Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005) beschrieben, wie unsere Gesellschaft das Tempo permanent erhöht – nicht aus Bosheit, sondern aus innerer Logik. Was nicht schnell genug ist, fällt durch. Auch beim Denken.
Der Reuters Digital News Report 2023 des Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford zeigt, wohin das führt: 36 Prozent der Befragten in 46 Ländern weichen Nachrichten aktiv aus – sieben Prozentpunkte mehr als 2017. Die Reaktion auf zu viel Information ist also nicht mehr Information. Es ist Rückzug.
Der einfache Ausweg
Wenn Verstehen Energie kostet, greifen wir zur Abkürzung. Eine schnelle Meinung. Eine klare Schuldzuweisung. Ein «das war ja klar». Damit sind wir wieder handlungsfähig – oder fühlen uns wenigstens so.
Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich erwische mich dabei, wie ich eine Schlagzeile lese und sofort weiss, wer schuld ist – obwohl ich den Artikel nicht angeklickt habe. Das ist kein Charakterfehler. Das ist ein Energiesparmodus. Und er funktioniert kurzfristig erstaunlich gut.
Nur: Was kostet er uns auf Dauer? Welche Themen verlieren wir, weil sie zu komplex sind für eine Schlagzeile? Welche Menschen verlieren wir, weil sie zu komplex sind für eine Schublade?
Worum es in dieser Serie geht
«Klartext zur Zeit» ist mein Versuch, ein paar dieser Beobachtungen zu sortieren. Nicht von oben herab. Nicht als Generalabrechnung mit dem Zeitgeist. Eher als ehrliche Bestandsaufnahme – mit dem Hintergedanken, dass die ersten Schritte zur Veränderung das Beobachten und das Benennen sind.
In den nächsten Folgen geht es um Hass als Abkürzung statt Verstehen, um die Mechanik der Algorithmen, um die Bequemlichkeit des Schwarz-Weiss-Denkens. Später dann um Ohnmachtsrhetorik, um Anstand, um Angst. Und am Schluss um das, was hilft: Innehalten. Das Spürbare. Den Wald, der uns nichts verkaufen will.
Wer mitlesen mag: gern. Wer lieber widerspricht: ebenso gern.
Quellen im Text
Danke an meinen geduldigen Assistenten Claude-AI, welcher meine Gedanken sortiert und in eine lesbare Form bringt.
Bild: ChatGTP