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Wasser ist das neue CO₂: Warum die Trockenheit 2026 in Ihre Wesentlichkeitsanalyse gehört

22. Juli 2026 durch
Wasser ist das neue CO₂: Warum die Trockenheit 2026 in Ihre Wesentlichkeitsanalyse gehört
tomschaepper Est., Schäpper Tom

Die Aare bei Bern war Ende Mai 2026 über 20 Grad warm. Bodensee, Walensee und Zugersee stehen auf extrem tiefen Ständen, in vielen Regionen fiel seit dem Frühjahr nur ein Drittel bis zwei Drittel des üblichen Regens [1, 2]. Der Sommer 2026 ist keine Wetteranekdote. Er ist ein Betriebsrisiko – und genau deshalb gehört Wasser in Ihre nächste Wesentlichkeitsanalyse.

Warum Wasser im Schatten von CO₂ stand

Wer sich in den vergangenen Jahren mit Nachhaltigkeit befasst hat, hat vor allem eines getan: Emissionen gezählt. CO₂ hat eine einfache Logik – eine Zahl, ein Reduktionspfad, ein Ziel. Wasser hatte diese Aufmerksamkeit nie. Es kam zuverlässig aus der Leitung, kostete wenig und tauchte in keiner Geschäftsleitungssitzung auf.

Das ändert sich gerade. Nicht weil ein neues Gesetz es verlangt, sondern weil die physische Realität schneller war. Das BAFU meldet für dieses Jahr eine ausgeprägte Trockenheit seit dem Frühjahr: tiefe bis sehr tiefe Abflüsse in den Flüssen des Mittellands, regional extrem niedrige Grundwasserstände, ein schneearmer Winter, der kaum Schmelzwasser lieferte [1]. Die nationale Trockenheitsplattform rechnet damit, dass sich die Lage auf der Alpennordseite und im Wallis fortsetzt [2]. Und die Kantone haben ein Instrument, das viele Unternehmer noch nie aus der Nähe gesehen haben: Sie können Wasserentnahmen einschränken oder ganz verbieten [1].

Was Trockenheit betriebswirtschaftlich bedeutet

Die Zahlen dazu gibt es längst, man muss sie nur ernst nehmen.

Die Hitzesommer 2018 und 2019 haben allein in Deutschland Schäden von 32 bis 37 Milliarden Euro verursacht – davon rund 9 Milliarden in Industrie und Gewerbe, vorwiegend wegen des Niedrigwassers am Rhein. Ein einzelnes Unternehmen, BASF, bezifferte seinen Schaden auf 250 Millionen Euro, weil Rohstoffe nicht mehr per Schiff ankamen [3]. Das war kein Getränkehersteller und kein Bewässerungsbetrieb. Das war ein Industriekonzern, der Wasser als Transportweg benötigte.

Die globale Perspektive liefert CDP, die Organisation hinter den weltweit grössten Umwelt-Offenlegungen: Knapp 3000 Unternehmen bezifferten die auf dem Spiel stehenden Werte durch Wasserrisiken auf 301 Milliarden US-Dollar. Die Kosten, diese Risiken anzugehen, lagen bei 55 Milliarden – ein Fünftel davon [4]. Abwarten ist also die teurere Variante, um den Faktor fünf.

Und der aktuelle Sommer schreibt das Kapitel fort. In Österreich erwarten laut Landwirtschaftskammer über 90 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe Ernteverluste, in der Schweiz werden wegen Futter- und Wassermangel laut Proviande wöchentlich rund 230 Tiere zusätzlich zur Schlachtung angemeldet [5]. Wer Vorprodukte aus der Landwirtschaft bezieht, spürt das in den Einkaufspreisen. Nicht irgendwann. Diesen Herbst.

Wesentlichkeit: der Denkfehler beim Abhaken

In der Wesentlichkeitsanalyse entscheiden Sie, welche Nachhaltigkeitsthemen für Ihr Unternehmen zählen – und zwar in beide Richtungen. Was tut mein Unternehmen der Umwelt an, und was tut die Umwelt meinem Geschäftsmodell an? Die Fachwelt nennt das doppelte Wesentlichkeit [6].

Beim Thema Wasser passiert in der Praxis oft derselbe Kurzschluss: «Wir sind kein Getränkehersteller, wir brauchen kaum Wasser – nicht wesentlich, nächstes Thema.» Das prüft aber nur die eine Richtung. Die andere Frage bleibt ungestellt: Was passiert mit meinem Betrieb, wenn Wasser knapp, teuer oder rationiert wird? Kühlung, Reinigung, Prozesswasser, der Standort am Gewässer, die Lieferkette, die am Regen hängt. Wasser kann durch die Wirkungsbrille unwesentlich sein und durch die Risikobrille hochrelevant. Genau solche Fälle soll die Analyse finden. Wenn sie das nicht tut, ist sie eine Fleissübung gewesen.

«Mir ist das kürzlich in einem Gespräch mit einem Produktionsbetrieb aufgefallen. Auf die Frage, wie viel Wasser der Betrieb pro Jahr bezieht und was eine Entnahmebeschränkung bedeuten würde, gab es keine Antwort – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Frage schlicht noch nie auf dem Tisch lag. Die CO₂-Bilanz dagegen war auf drei Stellen genau.»

Und die Pflicht? Ein nüchterner Blick auf die Rechtslage

Hier lohnt sich Präzision, denn Schweiz und Liechtenstein sitzen nicht im selben Boot – auch wenn beide gern in einem Atemzug genannt werden.

Die Schweiz entscheidet autonom, was sie von der EU-Regulierung übernimmt. Aktuell läuft die Reform über das geplante Bundesgesetz über nachhaltige Unternehmensführung; die Vernehmlassung endete am 9. Juli. Direkt berichtspflichtig wären rund 100 grosse Unternehmen, KMU ausdrücklich nicht [7]. Ob und in welcher Form das Gesetz kommt, ist offen.

Liechtenstein ist EWR-Mitglied – EU-Richtlinien in diesem Bereich sind hier keine Option, sondern Umsetzungspflicht. Die EU-Berichtsrichtlinie CSRD samt den dazugehörigen Standards (darunter ESRS E3 zu Wasser [6]) ist seit dem 1. Juli 2024 in PGR und Offenlegungsgesetz umgesetzt; grosse Unternehmen von öffentlichem Interesse mit über 500 Beschäftigten berichten bereits über das Geschäftsjahr 2024 [9]. Mit dem EU-Omnibus-Paket vom Februar 2026 steigen die Schwellenwerte allerdings deutlich: Künftig trifft die Pflicht nur noch Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitenden und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz. Auch das übernimmt Liechtenstein – die Vernehmlassung dazu läuft bis am 4. August 2026 [10].

Für ein KMU heisst das auf beiden Seiten des Rheins: keine direkte Pflicht, über Wasser zu berichten. Aber der Weg dorthin ist grundverschieden. Die Schweiz kann abwarten und anpassen, Liechtenstein zieht automatisch nach, was Brüssel beschliesst – wer dort unternehmerisch plant, plant mit EU-Recht.

Und der Druck kommt erfahrungsgemäss ohnehin nicht vom Gesetzgeber, sondern vom grössten Kunden. Wer an berichtspflichtige Konzerne liefert, bekommt deren Fragen weitergereicht. Der freiwillige europäische KMU-Standard VSME, den viele Grossunternehmen ihren Lieferanten als Raster vorlegen, fragt Wasser explizit ab: Angabe B6, Wasserentnahme und Wasserverbrauch [8]. Wer die Zahl dann zum ersten Mal sucht, sucht sie unter Zeitdruck.

Umsetzung: vier Schritte für Ihre nächste Wesentlichkeitsrunde

Der gute Teil der Nachricht: Der Einstieg kostet fast nichts.

1. Wasserbezug erheben. Die Jahresmenge steht auf der Wasserrechnung. Eine Stunde Aufwand, und Sie haben die Zahl, die im VSME unter B6 gefragt wäre.

2. Standortrisiko prüfen. Die Trockenheitsplattform des Bundes zeigt Lage und Prognose kostenlos, bis auf die Region genau [2]. Fünf Minuten.

3. Lieferkette durchdenken. Agrarrohstoffe, Textilien, Metallverarbeitung, Halbleiter – die grössten Wasserrisiken liegen selten im eigenen Gebäude, sondern bei den Vorprodukten [4]. Notieren Sie Ihre zwei, drei wasserintensivsten Zulieferkategorien.

4. Das unbequeme Szenario traktandieren. Was bedeutet eine Entnahmebeschränkung von 30 Tagen für Ihren Betrieb? Diese Frage gehört nicht in die Fachabteilung, sondern an den Tisch der Geschäftsleitung oder des Verwaltungsrats – dorthin, wo Risiken gehören.

Checkliste

  • Jährlicher Wasserbezug in m³ bekannt (Quelle: Wasserrechnung)
  • Standort auf der Trockenheitsplattform des Bundes geprüft
  • Wasserintensive Vorprodukte und Zulieferer identifiziert
  • Szenario «30 Tage Entnahmebeschränkung» in GL oder VR diskutiert
  • Ergebnis in der Wesentlichkeitsmatrix dokumentiert – auch ein begründetes «nicht wesentlich» ist ein Ergebnis

Häufige Fehler

Nur die Wirkungsseite prüfen. «Wir verbrauchen kaum Wasser» beantwortet die halbe Frage. Die Risikoseite – was Knappheit mit Ihrem Geschäft macht – bleibt so unsichtbar.

Die Analyse als einmalige Übung behandeln. Eine Wesentlichkeitsanalyse von 2023 kennt den Sommer 2026 nicht. Wesentlichkeit verschiebt sich mit der Realität; einmal jährlich nachführen reicht, aber es muss passieren.

Erst reagieren, wenn der Fragebogen da ist. Wer die Wasserzahl unter Termindruck des Grosskunden zusammensucht, liefert schlechtere Daten und verhandelt aus der Defensive.

Nur den eigenen Standort betrachten. Der Rhein-Fall von 2018 zeigt: Das teuerste Wasserrisiko kann in der Logistik oder beim Zulieferer liegen, nicht im eigenen Wasserhahn [3].

Fazit

CO₂ bleibt wichtig. Aber die Wesentlichkeitsanalyse ist kein einmal ausgefülltes Formular, sondern ein Blick auf die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit hat sich diesen Sommer gemeldet: mit warmen Flüssen, tiefen Seen und Kantonen, die über Entnahmeverbote nachdenken. Nehmen Sie Wasser in die nächste Runde auf. Nicht weil es ein Standard verlangt, sondern weil Sie die Antworten auf die vier Schritte oben besser heute kennen als im nächsten trockenen Sommer.


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Quellenverzeichnis

[1] BAFU: «Sommer 2026 – Trockenheit und hohe Wassertemperaturen», Bundesamt für Umwelt, 24. Juni 2026. Amtliche Quelle. https://www.bafu.admin.ch/de/sommer-2026-trockenheit-und-hohe-wassertemperaturen

[2] Nationale Trockenheitsplattform des Bundes: Trockenheitsbulletin vom 9. Juli 2026 (Niederschlag vielerorts 35–65 % der Norm; Fortsetzung der extremen Trockenheit auf der Alpennordseite und im Wallis erwartet). Amtliche Quelle. https://www.trockenheit.admin.ch/de/trockenheit/trockenheitsbulletin

[3] Prognos AG im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz: «Schäden der Dürre- und Hitzeextreme 2018 und 2019», Juli 2022. Studie im Regierungsauftrag, nicht peer-reviewt. Gesamtschaden 32–37 Mrd. €, davon Industrie/Gewerbe ~9 Mrd. €, BASF-Einzelschaden 250 Mio. €. https://www.prognos.com/sites/default/files/2022-07/Prognos_KlimawandelfolgenDeutschland_Detailuntersuchung%20Hitzesommer%2018_19_AP2_3a_.pdf

[4] CDP: «A Wave of Change – The role of companies in building a water-secure world», Global Water Report 2020 (publiziert März 2021; 2934 offenlegende Unternehmen; 301 Mrd. USD Risikowert vs. 55 Mrd. USD Massnahmenkosten). Selbstauskünfte von Unternehmen, durch CDP aggregiert; nicht peer-reviewt. https://www.cdp.net/en/press-releases/cost-of-water-risks-to-business-five-times-higher-than-cost-of-taking-action

[5] Euronews: «Extreme Dürre in den Alpen: So schlimm ist die Lage für Tiere und Landwirte», 21. Juli 2026. Journalistische Quelle; Zahlen der Landwirtschaftskammer Österreich und von Proviande zitiert nach Euronews, Primärquellen nicht direkt geprüft. https://de.euronews.com/my-europe/2026/07/21/extreme-durre-alpen-tiere-landwirte-auswirkungen

[6] Becker Büttner Held (BBH-Blog): «European Sustainability Reporting Standard E3: Wasser- und Meeresressourcen» (Überblick zu ESRS E3 und doppelter Wesentlichkeit). Fachbeitrag einer Anwaltskanzlei. https://www.bbh-blog.de/alle-themen/european-sustainability-reporting-standard-e3-wasser-und-meeresressourcen/

[7] Der Bundesrat: «Neues Gesetz für die nachhaltige Unternehmensführung erhöht Schutz für Menschenrechte sowie Umwelt und entlastet KMU», Medienmitteilung vom 2. April 2026 (NUFG; Vernehmlassung 2. April bis 9. Juli 2026; rund 100 berichtspflichtige Grossunternehmen, KMU nicht direkt betroffen). Amtliche Quelle. https://www.admin.ch/de/newnsb/UDalr4CV5UX2_sLwdBHN_

[8] EFRAG: VSME-Standard (freiwilliger KMU-Berichtsstandard), Basismodul Angabe B6 «Wasser»; hier zitiert nach der DNK-Checkliste zum VSME-Modul. Standardsetzer- bzw. Sekundärquelle. https://www.deutscher-nachhaltigkeitskodex.de/media/4gsddigv/dnkcheckliste-_vsme_modul.pdf

[9] Regierung des Fürstentums Liechtenstein: Bericht und Antrag Nr. 51/2025 betreffend die Abänderung des PGR und des Offenlegungsgesetzes (Umsetzung der «Stop-the-clock»-Richtlinie EU 2025/794), 8. Juli 2025. Bestätigt die CSRD-Umsetzung in Liechtenstein per 1. Juli 2024 und die Verschiebung der Wellen 2 und 3 auf die Geschäftsjahre 2027/2028. Amtliche Quelle. https://www.llv.li/serviceportal2/amtsstellen/stabstelle-regierungskanzlei/bua_051_abaenderung-pgr-und-offg_-umsetzung-stop-the-clock-rl.pdf

[10] Regierung des Fürstentums Liechtenstein: Medienmitteilung «Erleichterungen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung», 23. Juni 2026 (Umsetzung der Richtlinie (EU) 2026/470 «Omnibus»; neue Schwellenwerte über 1000 Mitarbeitende und über 450 Mio. Euro Nettoumsatz; Vernehmlassung bis 4. August 2026). Amtliche Quelle. https://www.presseportal.ch/de/pm/100000148/100940951


Bild: ChatGTP